Der Kapuzenpulli als Berufsbekleidung. Vom Kühlhaus ins Büro

Langsam aber sicher bröckelt der Dress Code auch in der Geschäftswelt. Dennoch sind Vorstandschefs im Hoodie immer noch undenkbar. Allerdings nur in der Old Economy. Dabei liegen die ersten nennenswerten Ansätze zur Beseitigung der Anzugpflicht schon über ein halbes Jahrhundert zurück. Bereits in den 1950ern gestatten Firmen in den USA zum Casual Friday ihren Büroangestellten legere Freizeitbekleidung. Damit sollte aufs Wochenende eingestimmt werden.

Dieses Zugeständnis ist heute auch in Europa verbreitet. Für über sechs Jahrzehnte ist es dennoch reichlich wenig Fortschritt. Hätte sich da nicht parallel eine ganz eigne Subkultur etabliert. In der neuen Tech-Welt nämlich – und zwar nicht nur im Silicon Valley - läuft es auch ohne Schlips und Kragen auf allen Ebenen bestens. Zudem dringt die Branche immer tiefer in herkömmliche Industrien ein. Wenn Autos und Maschinen ohne Internetanschluss nicht mehr auskommen, verschmelzen auch Old und New Economy.

Also muss sich der Konzernboss klassischer Prägung schon mal vom erfolgreichen Youngster in Sneakers und Kapuzenpulli erklären lassen, wie die Welt von morgen aussehen wird. Doch in der Garderobe aus dem vorletzten Jahrhundert schwant so manchen, da nicht sonderlich kompatibel zu wirken. Also springen immer mehr Vorstände auf den Zug der lockeren Business-Trachten auf. Wer trägt schon gerne eine Jacke im Büro - selbst wenn sie Jackett heißt. Oder bindet sich freiwillig ein Stück Stoff um den Hals?

Gerade der Schlips scheint bereits vielen CEOs entbehrlich. So sieht man Allianz Chef Oliver Bäte, Daimler-Boss Dieter Zetsche und Adidas-Kapitän Kasper Rorsted des öfteren ohne dieses Stück Anachronsimus vorm Bauch. Hinzu kommt, dass sich gut qualifizierte IT -Experten nicht vorschreiben lassen müssen, was sie anzuziehen haben. Und diese Spezialisten tummeln sich oftmals auch direkt unterhalb der Vorstandsebene. Also bröckelt der Anzugzwang auch da.

Selbst wenn es noch ein paar Jahre dauert, bis Jogging-Hose und Kapuzenpulli ihren zwingenden Status als Freizeitkleidung verloren haben. Die alten Dress Codes erodieren unaufhaltsam. Schlips und Kragen geht es immer mehr an den Letzteren. So, wie heute Halskrausen und Zylinderhüte nur noch auf Fotos oder Kostümfesten zu sehen sind, darf man annehmen, dass auch der klassische Anzug samt der dazugehörigen Accessoires irgendwann aus den Büros verschwinden. Vielleicht rafft die Digitalisierung ja auch gleich noch die Büros dahin. So oder so, der Absatz von Sneakers, T-Shirts und Hoodies wird in den nächsten Jahren steigen.